Ein Fraunhofer Start-up entwickelt Lernfabriken für die Digitale Transformation

23. April 2020

Industrie 4.0, Robotik und Smarte Produktion sind Kernbereiche der Digitalen Transformation in Deutschland. Doch viel zu oft liegt der Fokus dabei auf den Technologien und Maschinen. Wenn Künstliche Intelligenz, IoT und Co. ihre volle Wirkkraft im Unternehmen entfalten sollen, müssen die Mitarbeiter mit der neuen digitalen Arbeitsumgebung Schritt halten und mitwachsen können. Das Fraunhofer Start-up apt advanced production training GmbH aus dem Augsburger Fraunhofer-Institut IGCV entwickelt deshalb die Lernfabriken für die Mitarbeiter der Zukunft.

© smart learning factory
v. r.: Johannes be Isa & Lukas Merkel

Transformation to-go: Innenansichten einer Lernfabrik

In der Schaltzentrale der digitalen Produktion herrscht menschliche Hektik. 12 Produktionsleiter stehen um einen runden Meeting-Tisch, beobachten kritische Kennzahlen auf virtuellen Dashboards, werten die Folgen plötzlicher, ungeplanter Ereignisse auf die betriebsinterne Intralogistik aus, diskutieren Maßnahmen für die Resilienz-Planung oder kleben Post-its mit Verbesserungsvorschlägen an Pinnwände. Der Stress ist spürbar im Raum – und von den Trainern auch so gewollt: Die Anwesenden sind Teilnehmer einer smart learning factory des Fraunhofer Spin-offs advanced production training und testen hier automatisierte Produktionsabläufe, systemkritische Ereignisse – und sich selbst in einer digitalisierten Lernfabrik. In dieser industriellen Simulationsumgebung durchlaufen die Teilnehmer, meist Produktionsleiter oder CEOs mittelständischer oder größerer Betriebe, in modularen Trainings jede Stufe und jedes Szenario der Transformation ihres Betriebes, angefangen von der Potenzialanalyse für die eigene Produktionsstrecke über die Implementierung vernetzter Systeme, Datenflüsse und Schulungskonzepte bis hin zum Echtzeitmanagement der Produktion der Zukunft.

Technologie-Faktor Mensch: Neue Lernformate für digitale Gestalter

Smart learning factories sollen es Unternehmen ermöglichen, ihren eigenen Weg der digitalen Transformation jenseits von Hypes und Moden zu entwickeln und für die Mitarbeiter Brücken in die digitale Zukunft bauen. Die Factories lassen sich dafür passgenau auf Standorte, Branchen, Arbeitsprofile und Kenntnisstand der Trainingsteilnehmer anpassen und können nahezu jedes Szenario der digitalen Produktion realitätsnah spiegeln. Für die nötige Authentizität sorgen neben virtuellen Netzwerken und KI-Elementen hochmoderne maschinelle Umgebungen, die meist direkt aus der Fraunhofer-Forschung stammen und hier mit potenziellen Anwendern prototypisch verprobt werden.

Mit der smart learning factory wollen Johannes be Isa und Lukas Merkel, die Gründer der apt advanced production training GmbH dort ansetzen, wo viele Industrie 4.0 Technologien der Fraunhofer-Gesellschaft und die bestehenden Lernfabriken aufgrund der Projektgebundenheit heute noch an Grenzen stoßen: Die smart learning factories sind selbst lernende Systeme, die dem Fortschritt des digitalen Wandels in den Unternehmen angepasst werden können und über eine wachsende Datenbasis an Use Cases quer über verschiedene Branchen kontinuierliche Lernkurven ganzer Unternehmen und Ökosysteme begleiten können.

Die Überwindung der bestehenden Grenzen war auch das Gründungsmotiv für Johannes be Isa, Lukas Merkel und ihren Kollegen am Fraunhofer IGCV. Die Smart Learning Factories sollten die Lücke zwischen angewandter Forschung und konkreter Problemlösung im Betrieb schließen und produzierenden Unternehmen eine praktische Navigation im Dickicht der digitalen Möglichkeiten und Technologien bieten.

Schneller, effektiver, flexibler: Kompetenz-Ausgründungen als Fraunhofer-Erfolgsmodell

Die Ausgründung der apt advanced production training GmbH war die logische Konsequenz aus der starken Nachfrage von Fraunhofer-Kunden nach geeigneten, langfristigen Trainingsformaten und der Notwendigkeit, die Aus- und Weiterbildung für die Digitale Transformation dynamischer, betriebsnäher und vor allem über einzelne forschungsgestützte Projekte hinaus weiter zu entwickeln.

Die smart learning factories sollten für das Fraunhofer-Institut und die Gründer zu einer dynamischen Plattform werden, die in den Unternehmen und Bildungseinrichtungen selbst die Grundlage für die unternehmerische Weiterverwertung von Fraunhofer Kompetenzen und -Technologien schaffen sollte. Dieses Ziel verlangte zunächst von den Gründern und dem Institut selbst Pioniergeist, Experimentierfreude und Innovationsbereitschaft: Das didaktische Konzept wurde in permanenten Entwicklungs- und Feedback-Prozessen mit Industriepartnern und Wissenschaftlern validiert, verprobt und angepasst. Das junge Fraunhofer-Institut IGCV musste mit dieser ersten Ausgründung parallel die eigene Ausgründungsstrategie und entsprechende Prozesse entwickeln.

„Dass wir unsere Ausgründung heute als Win-Win-Situation sehen können, ist das Ergebnis intensiver gemeinsamer Arbeit und der unkomplizierten Beratung und guten Unterstützung von Fraunhofer Venture“, kommentiert Gründer Lukas Merkel. Die Investment-Manager und Juristen von Fraunhofer Venture arbeiteten für apt in einem Remote-Modus, parallel zur Konzeptentwicklung und Ausgründungsvorbereitung: Vertragliche und rechtliche Themen, Förderprogramme und wechselseitige Vorteile wurden modular für den Reifegrad des Geschäftskonzepts ausgearbeitet. Seit März 2020 ist advanced production trainings als erstes Fraunhofer IGCV Spin-off offiziell ausgegründet und bleibt doch Teil des Fraunhofer-Ökosystems: Mit den dynamischen Lernfabriken des jungen Unternehmens entsteht auch ein Partner für weitere Industrieanbindungen an das Institut.