Tandem Interview Dominik Malter und Sebastian Hohenester

Wie Fraunhofer Venture-Tandems junge Gründerteams unterstützen und wie aus einem Mix interner und externer Kompetenzen eine erfolgreiche Spin-Off Story entsteht

26. Oktober 2020

Fraunhofer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden bei Ausgründungsprojekten durch ein Tandem aus Betriebswirten und Juristen unterstützt. Das Erfolgsgeheimnis beruht dabei aber nicht nur auf Fachwissen und Expertenrat, sondern auch auf einem vertrauensvollen Teamspiel mit dem Berater-Tandem. Wir sprachen mit dem Betriebswirt und Investment Manager Dominik Malter und seinem Tandem-Kollegen auf juristischer Seite, Sebastian Hohenester über ihre Funktion als Fraunhofer Venture Manager und warum Kontrolle zwar gut ist, Vertrauen aber besser.

Dominik und Sebastian: Wie lange arbeitet Ihr schon zusammen und was zeichnet Euch als Fraunhofer Venture-Tandem aus?

Dominik: Mit Sebastian arbeite ich seit rund drei Jahren im Tandem zusammen. Da wir bei Fraunhofer Venture alle 74 Institute mit je einem Investment Manager und einem Juristen unterstützen, ergeben sich zahleiche verschiedene Tandem-Konstellationen. Dies bietet nicht nur Vorteile beim »Onboarding« neuer Mitarbeiter, sondern insbesondere auch einen guten Wissenstransfer sowie einen regelmäßigen Austausch von Erfahrung und Netzwerken im Team bei Fraunhofer Venture. Neben dem professionellen Handwerkszeug hat jedes Tandem seinen eigenen Stil. Mit Sebastian gab es beispielsweise von Anfang an ein gutes intuitives Rollenverständnis bei unseren gemeinsamen Projekten. Wir haben unser Vorgehen und die Aufteilung quasi internalisiert und können entsprechend agil miteinander arbeiten. Dieses unkomplizierte Teamspiel schont Ressourcen und ermöglicht eine kurze Reaktionszeit für unsere Institute, Ausgründungsprojekte und Portfoliounternehmen.

Sebastian: Für mich ist Vertrauen die wesentliche Grundlage einer guten Zusammenarbeit. Das versuchen wir auch im Umgang mit unseren Spin-off-Teams zu verwirklichen. Gerade in der frühen Phase eines Ausgründungsprojekts kommen viele Unsicherheiten auf Gründerteams zu. Eine persönliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit hilft allen Beteiligten, da das Unternehmertum einen großen Einfluss auf das Privatleben hat. Darüber hinaus stößt man bei der Gründungsvorbereitung und -umsetzung auf viele verschiedene Interessensgruppen, Compliance-Regeln und manchmal auch persönliche Befindlichkeiten. Im Beteiligungsmanagement sind wir Gesellschafter, Technologielieferant und unter Umständen gleichzeitig auch Investor. Diesen Herausforderungen können wir nur gerecht werden, wenn gegenseitiges Vertrauen vorhanden ist.

Wie gut funktioniert »persönlich und vertrauensvoll« während der Corona-Pandemie und welchen Einfluss hat sie auf Eure Arbeit bei Fraunhofer Venture?

Dominik: Der Unterschied in der Zusammenarbeit ist für uns ehrlich gesagt gar nicht so gravierend. Natürlich ist ein Handschlag oder ein persönliches Gespräch wertvoll, insbesondere, wenn man sich neu kennenlernt. Aber auch bei neuen Projekten gelingt es erstaunlich gut, virtuell eine gemeinsame Basis aufzubauen. Entscheidend ist sicher, dass alle Beteiligten die gleiche Mission haben: Gemeinsam Fraunhofer-Technologien aus dem Labor auf die Straße zu bringen. Für uns war auch schon vor der Pandemie klar, dass wir mit Gründerteams nicht »nine-to-five«, sondern nach Bedarf arbeiten und die Flexibilität und Geschwindigkeit mitgehen müssen.

Sebastian: Die Spin-off-Teams müssen in diesen Zeiten große Herausforderungen bewältigen – also müssen wir das auch. Meiner Meinung nach zahlt sich gerade in Krisenzeiten ein belastbares persönliches Verhältnis aus, weil wir alle flexibel sein müssen, relativ agil neue Wege auszuprobieren. Insofern arbeiten wir verstärkt daran, trotz virtueller Meetings, einen eng abgestimmten Austausch zu gewährleisten.

Jeder von Euch betreut eine ganze Reihe von sehr unterschiedlichen Fraunhofer-Instituten was Größe, Strategie und Forschungsschwerpunkte anbelangt. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit und welche Themen sind für Eure Kunden, die Institute, am wichtigsten?

Sebastian: Es gibt da keine starren Standards oder allgemeingültige Erfolgsformeln. Die Zusammenarbeit hängt einerseits von den Erfahrungen, andererseits von der Strategie sowie den Vorstellungen der Institute ab. Bei Einrichtungen, in denen es in der Vergangenheit Success Stories und hohe Rückflüsse gab, wird die Möglichkeit der Technologieverwertung über eine Ausgründung auf verschiedenen Ebenen häufig als tolle Option wahrgenommen und bereits in frühen Phasen von Führungskräften unterstützt. Andere Institute sind auch ohne eine lange Ausgründungshistorie für das Thema offen und experimentierfreudig.

Manchmal treffen wir jedoch auch auf Institute mit weniger erfolgreicher Gründungserfahrungen oder einer eher skeptischen Haltung. Tatsächlich gibt es auch Forschungsschwerpunkte bei denen Ausgründung nicht unbedingt der naheliegende Verwertungsweg ist.

Dominik: Bei unserer Arbeit befinden wir uns häufig in sehr frühen Phasen der Verwertung wieder. Das bedeutet natürlich, dass wir es mit vielen Unsicherheiten zu tun haben – und das nicht nur technologisch, sondern auch marktseitig.

Aus Sicht der Institute sind Rückfluss-Szenarien mit Beteiligungsunternehmen häufig risikobehafteter und auch langfristiger als der klassische Lizenzvertrag mit einem mittelständischen Industriepartner. Nur steht einerseits nicht für jedes Thema ein passender Lizenznehmer zur Verfügung, andererseits sind die Monetarisierungsoptionen mit »eigenen« Ausgründungen häufig vielfältiger und bringen auch strategische Vorteile. Interessanterweise werden die großen Exit-Stories zwar immer mit sehr viel Interesse verfolgt, den höheren Ertrag aus dem Fraunhofer-Beteiligungsportfolio verzeichnen wir jedoch aus den zahlreichen Forschungs- und Entwicklungs-Kooperationen zwischen den jungen Unternehmen und deren Mutterinstituten.

Klingt interessant. Könnt Ihr uns dazu ein Praxisbeispiel aus Eurem Portfolio verraten?

Dominik: Eine schöne Spin-off-Story kommt beispielsweiße aus dem Fraunhofer EMB in Lübeck (Einrichtung für marine Biotechnologie und Zelltechnik). Das Institut hatte für sich selbst eine eigene Transportlösung für hochsensible Zellkulturen entwickelt und diese regelmäßig bei Messen eingesetzt. Dort sind immer wieder Messebesucher auf die Box aufmerksam geworden, das Marktbedürfnis hat sich sozusagen proaktiv beim Institut gemeldet. Bei genauerer Untersuchung wurde schnell klar, dass es keine gute Lösung für dieses Praxisproblem gibt und insbesondere der Lufttransport aktuell nicht zellenschonend möglich ist. Die Gründung der CELLBOX SOLUTIONS GmbH wurde im Jahr 2016 mit einem externen Geschäftsführer, einem Investor und der Fraunhofer-Gesellschaft umgesetzt. In diesem Fall ist kein Fraunhofer-Forscher zum Gründer geworden. Die Expertise wurde per Lizenz und mit mehreren Forschungs- und Entwicklungs-Aufträgen über Jahre hinweg in die Ausgründung transferiert. Bei der Weiterentwicklung vom institutseigenen Prototypen bis hin zum zertifizierten, patentieren und serientauglichen Endprodukt hatten wir einige Herausforderungen zu meistern, bei denen das Zusammenspiel von Fraunhofer und externen Experten perfekt gematched hat. Inzwischen haben wir, anstatt einer einfachen Transportbox, eine vollumfängliche Lösung (Hardware, Software, Services, Zertifizierungen und internationale Partnerschaften) für unsere Zielkunden entwickelt. Im Zuge dieser Entwicklungsarbeiten konnten wir zielgenau die richtigen externen Erfahrungsträger für die verschiedenen Unternehmensphasen gewinnen.

Sebastian: Für das Institut ist die Fokussierung auf die Kernkompetenzen und die gemeinsame Arbeit mit den Branchenkennern und Seriengründern sicherlich ebenso eine Bereicherung wie für CELLBOX SOLUTIONS. Darüber hinaus handelt es sich um ein Produkt, bei dem es nicht nur um monetäre Rückflüsse geht, sondern auch um gesellschaftlichen Impact. Mit der CELLBOX lassen sich beispielsweise die Entwicklung von neuen medizinischen Behandlungsmethoden oder Impfstoffen signifikant beschleunigen, da der schnelle globale Austausch von Kulturen per Flugzeug möglich wird. Klinische Studien werden dadurch einfacher und kostengünstiger und wertvolles Zellmaterial kann deutlich schonender transportiert werden. Wir sehen sowohl große Einsatzmöglichkeiten, als auch einen wachsenden Bedarf auf verschiedenen und sich gerade entwickelnden Märkten.

Dominik: Ich glaube, dass gerade diese soziale Wirkung, der »Impact« von Fraunhofer-Technologien das ist, was viele Kollegen bei Fraunhofer Venture antreibt. Wir können hier unseren Teil dazu beitragen, dass aus der faszinierenden Welt der Hightech-Forschung junge Unternehmen und vor allem positive Impulse für die Gesellschaft hervorgehen. Das macht die Arbeit zu etwas Besonderem.

Dominik und Sebastian: vielen Dank für eure Zeit und dieses Gespräch.

 

 

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