Fraunhofer-Technologie als Innovationstreiber

04. Februar 2020

Sabine Schoon, Leiterin Corporate Development & Strategy der Comdirect Bank AG, eine der führenden Online Banken für moderne Anleger in Deutschland. Seit 2016 verantwortet sie unter anderem die Entwicklung verschiedener Strategiethemen, den Aufbau des Digitalen Assetmanagements sowie Initiativen für den leichten und einfachen Einstieg in die Wertpapieranlage. In ihrer Rolle ist sie auch für die strategische Ausrichtung des Business Development und Innovationsmanagement und somit für die gemeinsame Kooperation mit Fraunhofer Venture im Zuge des AHEAD-Programms zuständig. Wir sprachen mit Sabine Schoon über Innovationen in der Finanzbranche, aktuell gefragte Technologiefelder, wie zum Beispiel Fintech, und sie verrät uns, wieso sich auch für Wissenschaftler aus anderen Forschungsgebieten ein Blick in die Finanzbranche lohnt.

© finanzheldinnen (comdirect bank AG)
Sabine Schoon, Leiterin Corporate Development & Strategy der Comdirect Bank AG

Frau Schoon, gerade die Finanzindustrie ist in den letzten Jahren durch Wettbewerber und regulatorische Veränderungen in den Wandel geraten. Wie gehen Sie damit um und welche Trends sehen Sie in den kommenden Jahren?

Der Wandel ist seit unserer Gründung vor 25 Jahren unser steter Begleiter. Allerdings nimmt die Geschwindigkeit der Veränderungen deutlich zu und wird es auch in Zukunft tun. Um diesen Wandel zu bewältigen, braucht es den Mut, Bestehendes in Frage zu stellen und Neues zu wagen. Dabei ist es auch wichtig, immer wieder über den eigenen Tellerrand zu schauen. Denn die Grenzen zwischen der Industrie und ihre Branchen verschwinden zunehmend. Dieser Trend ist bereits in den USA zu sehen, wo Amazon mit JPMorgan und Berkshire Hathaway eine eigene Krankenkasse entwickelt hat. Ein weiterer, sehr interessanter Trend ist derzeit der Kampf um das Kunden-Frontend. Mit »Google Pay«, »Apple Pay« sowie der »Paypal-Bezahlfunktion« haben es die Banken mit mächtigen Wettbewerbern zu tun. Interessant wird es, hier zu sehen, wie sich die Banken künftig platzieren werden. Wollen sie Abwickler im Hintergrund der großen Tech-Firmen sein oder möchten sie möglicherweise über den Plattformgedanken hinaus durch Kooperationen mit Fintechs ein neues Kundenerlebnis ermöglichen? Der dritte große Trend ist die Digitalisierung der Finanzbranche im derzeitig schwierigen Zinsumfeld. Hier werden besonders Banken profitieren, die die Kosten nicht nur eins zu eins an den Kunden weitergeben, sondern in den bestehenden Herausforderungen Potenziale für neue Produkte und Services erkennen.  

Welche Rolle spielt Innovation in der Geschäftsstrategie von comdirect?

Innovationen sind ein wichtiger Bestandteil unserer DNA als comdirect. Wir wollen unsere Vorreiterrolle als innovativste Bank Deutschlands ausbauen, indem wir neue Wege gehen, die bisher noch keine andere deutsche Bank gegangen ist. Unsere Kooperation mit Fraunhofer ist ein perfektes Beispiel dafür. Insgesamt sehen wir Start-ups als wichtige Impulsgeber an. Deswegen waren wir 2016 die erste Bank in Deutschland, die mit der comdirect Startup Garage ein Accelerator-Programm gegründet hat. Start-ups sind immer besonders dann interessant, wenn diese einen echten Mehrwert für die Banking Experience ermöglichen. Kooperationen mit Start-ups helfen uns, Themen umzusetzen, die wir ansonsten aufgrund von fehlenden Kapazitäten nicht oder nur deutlich später umgesetzt hätten. Hierbei gucken wir uns jedoch nicht nur Start-ups aus der Finanzbranche an, sondern sind insbesondere an digitalen Technologie-Startups interessiert.

Welche Technologiefelder sind für Sie besonders relevant?

Für uns sind insbesondere die Themen »Blockchain«, »Künstliche Intelligenz«, »Robotic Process Automation« (RPA), »Natural Language Processing« (NLP), »Optical Character Recognition« (OCR) »Sprachdialogsysteme« und alles rund um »Big Data« interessant. Zudem suchen wir nach Innovationen, die unsere User-Experience innerhalb unserer App nachhaltig verbessern. Wir schauen dabei gezielt auch auf andere Branchen. Im Jahr 2016 haben wir zum Beispiel als erste Bank gemeinsam mit dem Fotoscan-Startup Gini unsere »Smart Pay App« entwickelt, bei der die Kunden ihre zu zahlenden Rechnungen einfach nur abfotografieren müssen. Das Start-up hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Finanzhintergrund und fokussierte sich auf das Auslesen der entsprechenden Dokumente. Gemeinsam konnten wir dann eine Anwendungsmöglichkeit entwickeln, die unsere Kunden begeistert und neue Maßstäbe in diesem Gebiet in der Finanzbranche gesetzt hat.   

Welche Ziele verfolgen Sie mit Fraunhofer?

Fraunhofer verfügt über ein beeindruckendes Know-how in sehr vielen Bereichen. Immer wieder gewinnen Expertinnen und Experten neue Erkenntnisse. Im Rahmen der Kooperation zwischen dem AHEAD-Programm von Fraunhofer Venture und der comdirect Startup Garage wollen wir diese Erkenntnisse auf die Finanzbranche übertragen. Bei einer gemeinsamen Zusammenarbeit helfen wir den Teams in Workshops bei der Weiterentwicklung ihrer Ideen und der dahinterliegenden Geschäftsmodelle in der Finanzbranche. Häufig denken Technologie-Startups bei ihren Anwendungsfällen in erster Line nicht an die Finanzbranche, obwohl sie dort ebenfalls einen hohen Nutzen haben. Wir zeigen mit unserer Fachexpertise aus der Finanzbranche mögliche Potenziale auf. Bei uns in Quickborn erhalten die Teams bei Bedarf Arbeitsflächen und können so Seite an Seite mit unserem Business Development zusammenarbeiten. Zudem validieren wir den jeweiligen Business-Case durch unsere Bankexperten und ermöglichen am Ende unserer Zusammenarbeit einen Pitch vor den Entscheidungsträgern. Unser Ziel ist es, möglichst schnell einen gemeinsamen Prototyp zu entwickeln und diesen anschließend zu testen. Bei positivem Nutzerfeedback und beidseitigem Interesse an einer weiteren langfristigen Zusammenarbeit werden wir im Idealfall dann auch der erste Kunde des Start-ups. Auf diese Weise ist die Partnerschaft für beide Seiten von Nutzen.

Wie können Fraunhofer Forschende ohne Wissen über die Finanzbranche mit comdirect zusammenarbeiten und wie können Institute mit Ihnen in Kontakt kommen?

Wir haben frühzeitig unseren Blick von Fintechs auf einen branchenübergreifenden Fokus erweitert. Dementsprechend ist unser Innovationsmanagement auf den Transfer von branchenfremden Innovationen in die Finanzbranche interessiert. Zudem können Forschende, deren Innovationen eher technologisch betrachtet werden, häufig von dem sehr kundenzentrierten Blickwinkel unserer Spezialisten profitieren. Das nötige Wissen über die Finanzbranche und die möglichen Anwendungsfälle werden von uns leicht verständlich aufgezeigt, sodass sie sich zunächst auf die technologische Weiterentwicklung ihrer Idee konzentrieren können. Bei Interesse an einem unverbindlichen Austausch können sich die Institute gerne bei unseren Head of comdirect Startup Garage, Pidder Seidl melden.