Die nächste Disruption: Nachhaltigkeit als Wachstumsmotor der Zukunft

13. Januar 2020

Digitalisierung ist nicht genug: Mit den immer drängenderen Herausforderungen des Klimawandels zeichnet sich die nächste globale Transformation ab, die die digitale Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft an Wucht und Tragweite sogar noch übertreffen könnte: Unsere Wirtschaftssysteme so umzugestalten, dass diese im Einklang mit den planetaren Grenzen sind wird zur Überlebensfrage für uns und unseren Planeten. Mit den Sustainable Development Goals (SDG) hat die UN die Koordinaten für die notwendige Umgestaltung vorgelegt. Wir sprachen mit Professor Martin Stuchtey, Gründer von SYSTEMIQ und Partner des AHEAD-Programms von Fraunhofer Venture, über die entstehenden nachhaltigen Wachstumsmärkte und die neuen unternehmerische Möglichkeiten.

© SYSTEMIQ
Professor Martin Stuchtey, Gründer von SYSTEMIQ und Partner des AHEAD-Programms

Herr Professor Stuchtey, Sie gelten als einer der Vordenker für nachhaltige Wirtschaftssysteme. Wie können die Sustainable Development Goals zum wirtschaftlichen Wachstum beitragen?

Nachhaltigkeit und SDGs waren immer schon ökonomisch relevant, aber wir haben bisher zu viel auf die Risiken und Kosten geblickt und viel zu wenig auf die wirtschaftlichen Potenziale und Wachstumsmöglichkeiten. Klimaschutz, Ressourcenschonung etc. sind gerade von den industrialisierten Nationen dringend benötigte Wachstumsmotoren. Reife Märkte wie beispielsweise die USA oder Deutschland bieten keine signifikanten Wachstumsperspektiven mehr. Durch die notwendige systemische Umgestaltung dieser Wirtschaftsräume in Einklang mit den SDGs eröffnet sich ein großes wirtschaftliches Potenzial entlang innovativer Geschäftsmodelle und Technologien.

Wir haben in der groß angelegten Analyse Better Business – Better World rund 60 potenzielle Wachstumsfelder identifiziert, die bis 2030 zwei- bis dreimal so stark wachsen werden wie der ökonomische Durchschnitt, von der Umgestaltung unserer Städte über regenerative Energieversorgung oder neuer Formen der Landwirtschaft bis hin zu neuen Mobilitätskonzepten, Kreislaufwirtschaft. Die Verwirklichung der Sustainable Development Goals in diesen Systemen allein kreiert ab 2030 jährliche Marktpotenziale für die Privatwirtschaft in Höhe von mindestens 12 Billionen US Dollar. Wenn wir die SDGs ernst nehmen, können sie zum größten Beschäftigungs- und Ressourcenproduktivitätstreiber seit Jahrzehnten werden.

Wie kann man diese nachhaltigen Wachstumsmärkte erschließen? Was muss sich verändern?

Die Industrienationen stecken im klassischen Innovator’s Dilemma: Wir waren mit dem Wirtschaftsmodell der Industrialisierung so erfolgreich, dass wir jetzt Gefahr laufen, zum Opfer unserer vormaligen Erfolge zu werden: Wir haben alle technologischen Kompetenzen für die Zukunft, stecken aber im Wirtschaftssystem der Vergangenheit fest, bei dem Wachstum übersteigende Produktabsätze erzeugt wurde. Eine digitale und nachhaltige Zukunft braucht jedoch einen ökonomischen Paradigmenwechsel. Wir müssen unsere geistigen und strukturellen Ruhrgebiete wieder zu den Silicon Valleys, zu den Schrittmachern des Fortschritts machen, die sie zu ihren besten Zeiten waren.

Wir müssen wieder lernen, dass unser wirtschaftliches Kapital die Gestaltungskompetenzen sind und nicht die Fabriken und Güter. Dieses Kapital müssen wir intelligenter einsetzen und unsere produktgetriebenen Geschäftsmodelle zu systemgetriebenen Konzepten umbauen. Nehmen Sie die Schlüsselbranche Automobilwirtschaft. Die OEMs in allen Ländern verbreitern ihre Produktpalette konstant, erobern immer kleinere Nischen im harten Wettbewerb um Erträge. Dabei erhöht sich der Ressourcenverbrauch konstant, ohne dass die Auslastung der Fahrzeuge oder die Effizienz der Ressourcennutzung steigen würde. Angesicht der großen Systemineffizienzen – wie zum Beispiel der Tatsache, dass ein Auto im Schnitt mehr als 22 Stunden am Tag nur steht –  hilft auch die steigende Effizienz auf Produkteben nur sehr begrenzt. Der Schlüssel für die Zukunft gerade der deutschen Automobilindustrie liegt darin, bessere und nachhaltigere multi-modale und geteilte Mobilitätslösungen über Plattformen anzubieten.

Was können Wissenschaft und Forschung dazu beitragen?

Die Wissenschaft hat in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass die Tragweite des Klimawandels erkannt wurde. Das globale Problembewusstsein baut auf den Erkenntnissen und den Szenarien der Forschung auf. Wir wissen jetzt sicher, dass wir den CO2-Ausstoß in die Atmosphäre bis 2030 halbieren müssen. Für die Zukunft muss die Wissenschaft wie andere Bereiche unserer Wirtschaft und Gesellschaft auch mutiger werden und die notwendig nächsten Schritte des Wandels skizzieren. Wir müssen konkrete, ökologisch, sozial und ökonomisch ausgewogene Gestaltungswege identifizieren und brauchen dafür fundierte Orientierung und Navigation. Dies kann nur von der Wissenschaft geleistet werden kann. Die Forschung, die dafür notwendig ist, ist nicht nur Navigator, sondern auch Katalysator der Transformation in dem sie die Kompetenzen und Technologien entwickelt die Unternehmen den Wandel ermöglicht. Ein Stück weit wird sich die deutsche Forschung dafür auch selbst verändern müssen, damit der Technologietransfer an Geschwindigkeit und Wirkung gewinnt.  

Also können Programme wie der Green Deal der EU-Kommission auch eine grüne Gründerzeit einläuten?

Wer heute junger Forscher, Gründer oder beides ist, kann sich freuen: In den nächsten Jahren werden die Siemens und Grundigs für das postindustrielle Zeitalter gegründet werden und die Voraussetzungen für den Standort Deutschland sind gut: Viele Strukturen der deutschen Wirtschaft arbeiten schon heute nach Kriterien wie Qualität, Systematik und an Schnittstellenproblemen. Das sind auch die Qualifikationen für den Übergang von der Produkt- zur System-Ökonomie – wenn wir sie dafür einsetzen.

Die Koordinaten sind durch die SDGs, aber auch durch schlichte Notwendigkeit vorgegeben. Nehmen wir das Beispiel Rohstoffverbrauch, dessen Folgen heute bereits 50 Prozent des Klimawandels und 80% des Biodiversitätsverlustes ausmachen. Der Wachstumstreiber der Zukunft ist nicht mehr der Abbau und Verbrauch, sondern das intelligente Rohstoff-Management in Kreisläufen. Diese Entwicklung ist absehbar und wird von European Green Deal forciert. Die Ansatzmöglichkeiten für neue Geschäftsmodelle in diesem Bereich sind nahezu unbegrenzt. Wir benötigen dafür einen digitalen Überbau für Materialien, neue Infrastrukturen, andere Wertschöpfungsketten, andere Kapitalflüsse und vieles mehr.

Wer systemische Lösungen für diese Herausforderung entwickelt, kann wirklich disruptive Potenziale erschließen, gleich ob Startup, Mittelständler oder transformierender Konzern.

SYSTEMIQ arbeitet als Think Tank und Investor an der nachhaltigen Transformation von Wirtschaftssystemen und ist Partner der Fraunhofer Ventures AHEAD SDG Tracks.

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