Mit Kreativität und Fraunhofer-Technologie in die »Circular Economy«

31. März 2020

»Recycle on the spot« will die Kreislaufwirtschaft auf eine neue Ebene heben und sie für Industriebetriebe zur Normalität machen. Seit Anfang 2020 arbeitet das Team im Rahmen des AHEAD-Programms mit Fraunhofer-Wissenschaftlern zusammen und will nicht nur neuartige Kreislaufmodelle erschaffen, sondern Geschäftsmodelle für Unternehmen entwickeln, die aus Abfallprodukten von heute Rohstoffe und Handelsgüter von morgen machen wollen. Doch bevor mit Fraunhofer-Wissenschaftlern an der Weiterentwicklung des Recyclings gearbeitet werden konnte, erwartete die Gründer ein kleiner Kulturschock. Wir haben mit Christian Rühlmann, Mitgründer und CEO von »Recycle on the spot«, über seine Erfahrungen gesprochen.

© Recycle on the spot
v. r.: Christian Rühlmann (Co-Founder) & Moritz Wussow (Co-Founder)

Christian, seit Januar seid ihr Teil des TechTransfer-Programms »AHEAD« von Fraunhofer Venture und entwickelt gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern neuartige Recycling-Systeme für Industrieunternehmen. Was macht ihr genau und wie ist die Idee zu eurem Start-up entstanden?

Mein Mitgründer Moritz Wussow und ich sind beide Industriedesigner. Die Wegwerfmentalität – vor allem bei industriellen Stoffkreisläufen – war uns immer ein Dorn im Auge, weil hier völlig falsche Vorzeichen und Anreize auf Kosten von Klima und Umwelt gesetzt werden. In den kommenden Jahren steht uns zwangsläufig ein Systemwechsel bevor, hin zu möglichst geschlossenen Verwertungskreisläufen. Aktuell gibt es jedoch kaum praktische Technologien und Systeme, die aus der lästigen Pflicht des aufwändigen Lagerns und des teuren Entsorgens von Problemstoffen, eine sinnvolle und gewinnbringende Anwendung vor Ort machen. Was heute Abfall ist, kann morgen Rohstoff sein und Unternehmen sogar neue Geschäftsmodelle im Rahmen von Stoffkreisläufen ermöglichen. Das genau ist der Anspruch von »Recyle on the spot«: Die Wiederverwertung soll mittelfristig so smart, kostengünstig und platzsparend werden, dass jeder Betrieb auf jedem Gelände nahezu jeden Kunststoff wie selbstverständlich wiederverwerten kann und davon sogar profitiert. Dafür haben wir uns anfangs mit viel Idealismus und Experimentierfreude in die Thematik eingearbeitet und die Idee dann immer weiter professionalisiert.

Ihr arbeitet mit Wissenschaftlern des Fraunhofer ICT in Karlsruhe zusammen. Wie war eure erste Begegnung mit der Welt der Fraunhofer-Forschung?

Die erste Begegnung war eine Art professioneller Kulturschock für alle Beteiligten (schmunzelt). Wir als Industriedesigner haben ja einen fast entgegengesetzten Blick auf technologische Entwicklungsprozesse: Wir versetzen uns in unsere Zielgruppen hinein, versuchen deren konkrete Alltagsprobleme zu verstehen und entwickeln mit kreativen Mitteln möglichst schnell diverse Lösungsmöglichkeiten für die Anwendung vor Ort. Wir haben unsere ersten Prototypen in einer Garage kreiert und Stoffkreisläufe für den Plastikmüll befreundeter Unternehmen entwickelt, bevor wir uns an industrielle Prozesse herangewagt haben. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen solche Projekte methodisch völlig anders an. Hier wird zunächst eine umfangreiche und belastbare Wissens- und Datengrundlage geschaffen, ehe eine Verwertung ins Spiel kommt. Rückwirkend hat sich aber gerade die Kombination aus den beiden unterschiedlichen Welten als fruchtbar herausgestellt. Ein konkretes Beispiel dazu: Wir haben erst in der Zusammenarbeit mit Fraunhofer erkannt, wie komplex die technologischen Herausforderungen für die optimale Verarbeitung verschiedener Stoffgemische (sog. Compounds) sind. Umgekehrt betrachten wir Produktionsanlagen immer mit dem Aspekt der Machbarkeit, der Nutzung vorhandener Ressourcen und freier Kapazitäten vor Ort. Dieses Anwendungsdenken können wir mit in die Partnerschaft einbringen. Wenn beide Welten kombiniert werden, sind reale Entwicklungssprünge möglich – Geschwindigkeit und Technologietiefe können wahrscheinlich nur durch solche Kooperationen erreicht werden.

Wie ist aus den beiden Welten das gemeinsame Projekt entstanden? Wie sieht nun die Zusammenarbeit mit Fraunhofer Venture aus?

Das TechTransfer- Programm »AHEAD« hat für unser Projekt zunächst Technologien und Teams in der Fraunhofer-Gesellschaft gescoutet und uns Ende letzten Jahres auf einem so genannten Matching-Event mit dem Fraunhofer ICT in Karlsruhe zusammengebracht – absolute Koryphäen im Bereich Kunststoffaufbereitung. Gemeinsam haben wir dann unser Projekt während des Bootcamps im Januar 2020 weiterentwickelt und mit den Expertinnen und Experten von Fraunhofer Venture an möglichen Geschäftsmodellen gefeilt. Das Fraunhofer-Team war dabei die lebende, hochmotivierte Schnittmenge zwischen Start-up-Denke und Wissenschaftsbetrieb und hat uns immer wieder gefördert und wo nötig auch gefordert. Denn schließlich mussten wir erst einmal ein Team mit klarer Zielsetzung werden, bevor wir überhaupt gemeinsam ein Gründungsprojekt stemmen konnten. Aktuell befinden wir uns in der ersten Phase des »AHEAD-Programms«, validieren unser Modell weiter und arbeiten unsere Markteintrittsmöglichkeiten aus.

Worin seht ihr den konkreten Mehrwert im Fraunhofer Venture TechTransfer-Programm »AHEAD«?

Ich kenne einige Accelerator- und Inkubations-Programme für Start-ups. Die Qualität des Coachings, der Trainer und des gesamten Teams ist wirklich außergewöhnlich. Die im drei Wochen Takt stattfindenden Check-Ins sind so intensiv, dass ich mittlerweile im Voraus einen halben Tag für die Reflexion einplane – so kann ich den geballten Input gut für mich sortieren. Durch die Zusammenarbeit mit Fraunhofer wird für »Recycle on the spot« die nächste Dimension der Kreislaufwirtschaft möglich: Mit Fraunhofer-Technologie können wir das, was heute den großen Massenproduzenten vorbehalten ist auch kleinen Unternehmen ermöglichen, weil es nicht nur ökologisch richtig ist Stoffströme nicht zu vermischen, sondern nun auch ökonomisch Sinn ergibt. Wir wollen mittelfristig in Schwellenländer expandieren und bereits Stoffkreisläufe gestalten, während neue Industrien entstehen.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg an das gesamte Team!