Homeoffice für Engineering-Tätigkeiten: Wie das Fraunhofer Spin-off Clous resiliente Industrieprozesse ermöglicht

11. Januar 2021

Das Fraunhofer-Spin-off Clous startete seine virtuelle Plattform für das dezentrale Management von Engineering Dienstleistungen Ende 2019 – kurz vor dem Ausbruch der weltweiten Covid-19-Pandemie. Die Krise traf das junge Unternehmen hart – doch dem Team von Clous gelang es, aus der Krise eine Zukunftschance für seine Kunden zu machen. Wir sprachen mit Claas Blume, CEO und Co-Gründer von Clous, über die Chancen und Möglichkeiten resilienter Industrieprozesse.

© Clous GmbH
Claas Blume, CEO und Co-Gründer von Clous

Claas, du und dein Partner Thomas Vorsatz haben Ende 2019 Clous gegründet, kurz vor Beginn der weltweiten Covid-19-Pandemie. Wie hat sich der Lockdown auf euch ausgewirkt?

Wir haben unfreiwillig in die Pandemie hinein gegründet und mussten neben der Unternehmensgründung zeitgleich mit einem völlig anderen Szenario bei unseren Kunden umgehen. Für unser ganzes Team war das eine doppelte Belastung und natürlich auch eine persönliche Herausforderung. Allerdings hatten wir als junges Unternehmen auch einen Startvorteil, weil wir unsere eigenen Abläufe und unser Angebot in wenigen Tagen anpassen konnten. Mit Clous propagieren wir dezentrale, vernetzte Prozesse für industrielle Tätigkeiten und arbeiten selbst auch in einer virtuellen Arbeitsumgebung.

Die Umstellung fiel uns entsprechend leicht. Wir haben Computer und Arbeitsmittel per CarSharing-Auto zu unseren Mitarbeitern nach Hause gefahren und konnten bereits nach ein paar Stunden an unserer Cloud-Plattform weiterarbeiten. Die Pandemie war für uns also auch eine unternehmerische Lektion: Wichtiger als das Unternehmen als Organisation ist das Unternehmertum im Denken. Man muss immer schnell auf Veränderungen reagieren und bereit sein, sich selbst mit zu verändern.

Viele Industrieunternehmen mussten massive Geschäftseinbrüche hinnehmen. Wie hat sich die Pandemie auf eure Kunden in der Industrie ausgewirkt und wie habt ihr reagiert?

 

Die Auswirkungen bei unseren Kunden und Gründungspartnern waren für uns wirklich gravierend. Interessierte potenzielle Anwender in der Industrie hatten plötzlich ganz andere Sorgen als das Aussteuern von Kapazitäten und die Einbindung von Partnern in Konstruktionsprozesse, wie wir es anboten. Unsere Strategie für den Markteintritt war innerhalb von ein paar Tagen obsolet.

In dieser heiklen Phase war die Unterstützung von Fraunhofer Venture ein wirkliches Asset für unser Unternehmen. Wir haben mit unseren Ansprechpartnern in einer Art virtueller Task Force intensiv zusammengearbeitet und gemeinsam wichtige strategische Weichenstellungen vorgenommen: Wir haben den geschäftlichen Fokus von Clous und unser Leistungsversprechen an die Situation unserer Kunden angepasst und unsere Cloud-Plattform für die Kollaboration unter Industriepartnern neu interpretiert: Mit Clous lässt sich auch eine Art „Homeoffice für Industriedienstleistungen“ umsetzen, die Dezentralisierung fast aller Ingenieursaufgaben.

Mit diesem Modell für resiliente Prozesse, beispielsweise in der Konstruktion und Entwicklung, konnten wir die Lösung für einen akuten Bedarf vieler Industrieunternehmen anbieten und sind so relativ schnell wieder in die Erfolgspur zurückgekehrt. Unsere Partner bei Fraunhofer Venture haben dafür gesorgt, dass die Lizenzvereinbarungen so an neue Situation angepasst wurden, dass wir den pandemiebedingten Einbruch schnell bewältigen konnten und haben uns viele Türen zu Industriekontakten aus dem Fraunhofer-Netzwerk geöffnet.

In vielen Bereichen hat die Pandemie einen Digitalisierungsschub ausgelöst. Was können smarte digitale Lösungen im Bereich Industrie 4.0 beitragen, um Industrieprozesse resilenter gegen Krisen zu machen?

Wir haben festgestellt, dass gerade technologie-getriebene Mittelständler jetzt bereit sind, in krisensichere, digitale Organisationsformen zu investieren, die weit über das Homeoffice von Verwaltungsaufgaben und die Lockdown-Bewältigung hinaus gehen. Über Plattformlösungen wie Clous lassen sich im Prinzip alle Tätigkeiten und Aufträge vernetzen und dezentral managen, die nicht unmittelbar an die Produktion selbst gebunden sind. Der Großteil aller Arbeiten, gerade in der Entwicklung, der Konstruktion oder dem Management von Kapazitäten, hängt strukturell nicht an einem bestimmten Ort und kann über virtuelle Systeme flexibel und pandemie-resilient gemanagt werden.

Viel wichtiger als die Verlagerung von Tätigkeiten ins Homeoffice in Krisenzeiten ist für Industrieunternehmen meiner Meinung nach das flexible und schnelle Aussteuern von Kapazitäten in einem virtuellen Netzwerk verschiedener Anbieter. Auch anspruchsvolle Leistungen, beispielsweise in CAD-Konstruktionsprozessen oder im Projektmanagement, können über virtuelle Netzwerke und Plattformen über Ländergrenzen hinweg eingebunden oder angeboten werden. Industrieunternehmen entgehen so Überkapazitäten genauso wie Engpässen und können die Auswirkungen von Krisen besser abfedern, indem sie zum Beispiel ad hoc Kapazitäten anderer Akteure in der Region nutzen, oder mit eigenen Kapazitäten bei diesen einspringen. Durch die digitale Vernetzung werden also ganze Ökosysteme resilienter.

Welche Perspektiven für die Zukunft ergeben sich daraus für Industrieunternehmen und für Start-ups wie Clous?  

Krisen legen häufig systemische Unzulänglichkeiten offen und zwingen dazu, Bestehendes neu zu interpretieren. In dieser – wenn auch unfreiwilligen – Neuausrichtung stecken für alle Akteure innerhalb eines Ökosystems auch Chancen. Resilienz und vernetzte Produktion können zu einem klaren Wettbewerbsvorteil werden, wenn aus der erzwungenen Verlagerung in die Virtualität neue Möglichkeiten des Managements von Kapazitäten, Dienstleistungen, Partnern und Projekten werden. Das ist meiner Meinung nach der nächste logische Schritt, von dem gerade die technologiegetriebenen Mittelständler in Deutschland sehr profitieren könnten, weil damit nicht nur die Krisen-Resilienz gesteigert wird, sondern auch die Agilität und Effizienz aller Beteiligten. Diesen Schritt von der Krise zur Chance haben wir bereits im ersten Jahr unseres Bestehens selbst vollzogen. Unsere Vision für unsere Kunden in der Industrie ist ein virtueller Marktplatz für Engineering Services als Fundament eines resilienten Ökosystems für Ingenieurleistungen.

 

Claas, wir wünschen euch alles Gute auf dem Weg zur Verwirklichung dieser Vision und danken euch für dieses Gespräch.

 

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