Aus unserer Jubiläumskampagne: 25 Jahre Ausgründung. Zukunft gestalten.

»Ausgründungen sind Teil unserer DNA«: Die Transferstrategie des Fraunhofer IVV

Das Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV setzt auf eine proaktive Ausgründungsstrategie. Wir sprachen mit der Institutsleiterin Prof. Dr. Andrea Büttner und dem stellvertretenden Institutsleiter Prof. Dr. Peter Eisner über die besonderen Vorteile von Ausgründungen im Rahmen der Institutsstrategie.

Das Fraunhofer IVV plant für 2026 mehrere neue Ausgründungen. Was tragen Spin-offs aus der Forschung zur Institutsstrategie bei?

Büttner: Ausgründungen sind bei uns Ausdruck einer Haltung und aktiver Bestanteil einer Strategie, die auf Wandel und die Entwicklung neuer wirtschaftlicher Treiber und Partnerschaftsmodelle abzielt – zudem setzen wir mit unseren Technologien an für die deutsche Wirtschaft relevanten Schlüsselstellen an, um die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standortes zu stärken. Gemeinsam mit unseren Partnern nehmen wir oft eine gänzlich andere Marktsicht ein, wir antizipieren Chancen und Herausforderungen, beispielsweise durch die Analyse geopolitischer Entwicklungen, und entwickeln Technologien und Patente bis hin zur Marktreife. Wir haben dabei einen sehr agilen, flexiblen Ansatz und können hier mit Tempo neue Ideen in die Anwendungen bringen. Es ist eine Frage des Mindsets – und dieses spiegeln wir in unserem Team am IVV. 

Wie sieht das konkret aus? Wie werden Spin-offs zu »Wegbereitern für Transformation«?

Büttner: Spin-offs oder Joint Ventures sind für uns ein sehr geeignetes Instrument, um Technologien und Innovationen marktreif zu machen. Bei Themen wie Alternativen zu kritischen Rohstoffen oder neuen Lebensmittelsystemen sind Forschung und Entwicklung mitunter sehr langfristig ausgelegt, wir haben in diesen Bereichen über die Jahre ein sehr breites und tiefgreifendes Know-how aufgebaut. Als Fraunhofer-Institut haben wir daher eine besondere Funktion für die deutsche Industrie. Wir liefern häufig nicht nur die »technologische Hardware«, sondern auch smarte und praktikable digitale Entwicklungen – und Spin-offs machen unsere Forschungsergebnisse nutzbar für viele klassische Anbieter ebenso wie deren Anwender. Ausgründungen realisieren in gesteigertem Maße Innovationen am Standort Deutschland, sofern sie genau dort ansetzen, wo sie unsere heimischen Unternehmensstrukturen nachhaltig stärken und zwar über die gesamte Wertschöpfungskette. Sie schaffen Wettbewerbsvorteile und Arbeitsplätze hierzulande. Besonders wichtig ist uns aber auch, dass sie unsere nationale und europäische Souveränität und unsere Versorgungssicherheit stärken. Damit erfüllen wir auch einen Teil unseres gesellschaftlichen Auftrags.

Eisner: Das Paradebeispiel ist hier sicher Sunbloom Proteins. Wir haben über Jahre mit diversen großen Playern in der Industrie über die wirtschaftliche Nutzung von Protein aus Sonnenblumen gesprochen, aber kamen trotz großen Interesses nie über das Diskursstadium hinaus. Dann haben wir mit einer Ausgründung selbst den Schritt in die Entwicklung zur Marktreife angestoßen. Sunbloom hat unsere Technologie in Produkte übersetzt, die dann für die Industrie so attraktiv waren, dass das Spin-off von der französischen Arvil-Gruppe übernommen wurde. 

Welche Vorteile bieten Spin-offs gegenüber anderen Transferpfaden?

Eisner: Sie machen uns als Institut flexibler und ermöglichen uns, an der Markteinführung unserer Technologien unmittelbar zu partizipieren. Ein konkretes Beispiel dazu: Ein indisches Unternehmen würde gerne eine Lizenz bei uns einkaufen. Klassischerweise wäre das mit Zahlungen für unsere Forschungsergebnisse abgegolten. Wenn man die Konstellation unternehmerisch denkt, hieße das: Fraunhofer ist von den wirtschaftlich spannenden Teilen der Wertschöpfung weitgehend ausgeklammert. Deshalb ist es für uns in dem Fall viel interessanter, mit einem Industriepartner in Deutschland ein Joint Venture zu gründen, das mit unseren indischen Partnern zusammenarbeitet. Dadurch bleiben wir finanziell im Spiel, halten die Technologie am Standort Deutschland und können mit unseren Technologien und Patenten weiterarbeiten. 

Ausgründungen in Form von Joint Ventures ebenen also auch den Weg für Industriekunden?

Eisner: Definitiv. Wir sehen hier wachsendes Interesse seitens der Wirtschaft und vielfältige Wertschöpfungsmöglichkeiten für die Industrie. Ein weiteres Beispiel: Wir arbeiten seit 8 Jahren mit einem bayerischen Mittelständler an Recyclingtechniken für Polymere. Um alle Kompetenzen, Know-how und IP zu bündeln, gibt es die Idee, ein gemeinsames Unternehmen für die weltweite Vermarktung der Technologie zu gründen. Ich habe den Eindruck, dass viele klassische Industrieunternehmen gerade bei Transformationsherausforderungen offener für die Zusammenarbeit mit Ausgründungen oder sogar gemeinsame Gründungsinitiativen geworden sind. 

Wie fördern Sie Ausgründungen am Fraunhofer IVV? 

Büttner: Ich sehe meine Aufgabe vor allem darin, die nötigen Freiräume für Transfer- und Gründungsaktivitäten für angehende Gründerinnen und die Initiativen von Peter Einser zu schaffen. Dazu gehört natürlich auch, die nötigen Mittel bereit zu stellen oder zumindest, in diesen Zeiten finanziell klammer Kassen, besser zugänglich zu machen, sei es durch personelle und technische Ressourcen, durch Förderprogramme oder auch neue finanzielle Instrumente – ich hoffe, dass beispielsweise die Hightech Agenda Deutschland dem Anspruch gerecht werden wird, den sie offensiv hinsichtlich Gründungswesen und Technologietransfer formuliert. Unsere Partner stehen mit uns gemeinsam bereit…nun muss sich zeigen, ob unser Tempo und Mindset auch in der politischen Ausgestaltung adäquat gespiegelt werden wird.  

Eisner: Wir fördern Gründergeist in allen Facetten und schreiben bewusst keine fixen Gründungswege vor. Ideen entstehen überall entlang der Wertschöpfungskette. Bei unseren Ausgründungsprojekten ist die Initiative mal direkt von der Forschung, mal durch externe Gründer, mal auf Anregung unserer Industriekunden ausgegangen. Deshalb halten wir eine unterstützende Institutskultur und einen grundlegenden Entrepreneural Spirit in der Wissenschaft für elementar für unseren Erfolg. Meine Tür ist immer offen für Ideen und Austausch.

Ihr Institut hat drei strategische Themenfelder definiert. Wo sehen Sie das größte Potenzial für Ausgründungen in Zukunft?

Büttner: Als Forschungsinstitut können wir nachhaltiger agieren als andere: Nehmen wir unser Themenfeld Sicherheit als Beispiel. Wir richten unsere Entwicklungen in diesem Bereich nicht nur an Marktbedarfen aus, sondern auch an erwartbaren gesellschaftlichen Entwicklungen, geopolitischen Szenarien – und zwar auch solchen, die andere bis vor kurzem noch nicht mal gedacht haben oder denken wollten – und leiten davon die zukünftigen Bedarfe am Standort Deutschland und in Europa ab. Welche Bedarfe haben unsere Wirtschaft und Gesellschaft, wenn kritische Rohstoffe nicht mehr verfügbar sind oder Lieferketten wegbrechen? Welche alternativen Lösungen könnten in Krisensituationen helfen? Das sind hochrelevante strategische Fragen, auf die unsere Forschung Antworten gibt, weil wir mutig den Blick in die Zukunft wagen, weil wir komplexe Technologien auch in längeren Zyklen entwickeln und unsere Forschungsfelder an gesellschaftlichen Zielen ausrichten. Denn bei uns dominiert die wissenschaftliche Begeisterung, die Imagination und der unbedingte Wille, die Technologien umzusetzen, an die wir glauben und deren Notwendigkeit wir sehen. Die Agilität und Geschwindigkeit von Start-ups kann hier einen wesentlichen Beitrag leisten, besonders im Zusammenspiel mit Industrieunternehmen, die für die schnelle Skalierung sorgen können.

Was sehen Sie als Erfolgsfaktoren für erfolgreiche Gründungen an? 

Büttner: Das Team. Ich bin unter anderem Mitglied der Jury des EXIST-Gründerprogramms und sehe bei vielen Gründungen, dass Technologie Marktchancen schafft, aber die richtigen Persönlichkeiten und gutes Teamspiel darüber entscheiden, ob sie auch genutzt werden können. Damit meine ich nicht nur das Gründungsteam selbst, sondern auch das Zusammenspiel mit Gesellschaftern, mit Partnern und mit der Wissenschaft. Teams und Netzwerke müssen eine Vertrauensbasis entwickeln und vor allem in herausfordernden Situationen belastbar sein.

Eisner: Wir brauchen mehr Möglichkeiten, auf Bedarfe des Marktes und unserer Industriekunden reagieren zu können. Spin-offs schaffen hier alternative Geschäftsmodelle, die zwar wie jedes Unternehmen Risiken mit sich bringen, aber eben auch große Chancen. Start-ups aus der Forschung können auch ein Weg sein, um zukünftig gezielter Investoren für Entwicklungsprojekte an Bord zu bekommen.

Das IVV arbeitet seit vielen Jahren mit Fraunhofer Venture zusammen, das jetzt 25-jähriges Jubiläum feiert. Wie fällt ihre Bilanz aus? 

Eisner: Die Unterstützung von Fraunhofer Venture ist für uns ein klarer Transfervorteil. Auch unsere Partner in der Industrie reagieren sehr positiv auf das Feedback und die professionelle Unterstützung. Wir sind regelmäßig mit unseren Ansprechpartnern von Fraunhofer Venture im Austausch und schätzen das gewachsene Vertrauensverhältnis. Das erleichtert natürlich Vieles – und die Zusammenarbeit macht auch einfach Spaß.