Interview
Was der Boom bei Tech-Start-ups für Fraunhofer-Ausgründungen bedeutet
Die deutsche Start-up-Szene kehrt in den Wachstumsmodus zurück: Die Zahl der Neugründungen nahm laut Next Generation Report 2025 von Start-up Verband und startupdetector im vergangenen Jahr um rund 29 Prozent zu. Wachstumstreiber waren vor allem Software, Deeptech und KI – Domänen der Fraunhofer-Forschung. Wir sprachen dazu mit Andreas Aepfelbacher, dem stellvertretenden Leiter von Fraunhofer Venture.
Andreas, Deeptech-Start-ups haben in Deutschland zu einem unerwarteten Boom bei Neu- und Ausgründungen geführt. Worauf führst du diese Entwicklung zurück?
Ich sehe im Wesentlichen drei Ursachen: Erstens, die Notwendigkeit zu Veränderungen: Die Themenbereiche, in denen wir viele Neugründungen sehen, adressieren Branchen und Anwendungen mit hohem Transformationsdruck – beispielsweise KI, Automatisierung, Robotik, Energie oder Defence. Hier sind fortgeschrittene Technologie, Hardware oder innovative digitale Lösungen die entscheidenden Problemlöser und haben einen entsprechenden Markt.
Zweitens die institutionelle Veränderung: Lehrstühle für Entrepreneurship, Gründerwettbewerbe oder Ausgründungsprogramme – nach dem Vorbild der international führenden UnternehmerTUM an der Technischen Universität München – werden mehr und mehr zum Standard, ebenso wie die Ausgründungsinitiativen der außeruniversitären Forschung. Das ist die »soziale Infrastruktur« für Zukunftstechnologien und neue Tech-Unternehmen.
Drittens ein kultureller Wandel: Arbeiten in Start-ups und auch die Erfahrung einer eigenen Gründung erfahren zumindest an bestimmten Hotspots wie München, Berlin oder Leipzig eine andere Wertschätzung. Ich erlebe, dass Pioniergeist, persönliches Engagement und Innovationskraft als Lebensmodell oder zumindest als Lebensphase bei vielen jungen Menschen attraktiver werden.
Profitieren Fraunhofer-Ausgründungen von dieser Entwicklung?
Ich bin noch vorsichtig, nach einem Rekordjahr bei den Deeptech-Gründungen von einem Trend zu sprechen. Was wir definitiv sehen, ist eine starke Entwicklung Richtung B2B und Technologietiefe bei Gründungen in Deutschland, was natürlich Ausgründungen aus oder Kooperationen mit anwendungsorientierter Wissenschaft prädestiniert. Hinzu kommt die Professionalisierung von Ausgründungen, die inzwischen Wirkung zeigt. Wir wissen, dass Investoren die Qualität der Fraunhofer-Ausgründungen inzwischen sehr positiv beurteilen. Auch die Geschäftsmodelle sind heute deutlich investorenfreundlicher.
Welche Themen dominieren bei Fraunhofer-Ausgründungen?
Auf dem Fraunhofer Investment Hub, unserer Schnittstelle zu Investoren, stellen IT, Hardware, Software und Management mit etwa 27 % die größte Gruppe. Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen waren dabei die häufigsten Technologiethemen, mit einem besonderen Fokus auf Produktion und Automatisierung, gefolgt von erneuerbaren Energien, neuen Materialien und Biotechnologie. Bei der Bandbreite der Themen macht Fraunhofer einen Unterschied: die Vielfalt an Ausgründungsthemen spiegelt die Vielfalt in der Forschung wider. Wir hatten im vergangenen Jahr 29 Ausgründungen und damit einen sehr guten Wert nach 21 Ausgründungen im Vorjahr. Zudem betreuen wir ungefähr 140 aktive Ausgründungsprojekte und verfügen damit eine gutgefüllte Pipeline für die Zukunft.
Früher stellten die langen Entwicklungszeiten eine Hürde für die Finanzierung von Tech-Start-ups dar. Ändert sich das gerade?
Technologietiefe war und ist ein besonderer Vorteil für Gründerinnen und Gründer bei Fraunhofer. Geschäftsmodelle aus der Forschung können in der Regel nicht leicht reproduziert werden, sind oft gut skalierbar und können große Märkte adressieren. Auch Investoren sehen diese Vorteile zunehmend.
Aus diesem Grund werden jetzt auch viele Corporate Venture Fonds aus der Industrie aktiver, beispielsweise aus dem Maschinenbau oder der Automobilindustrie. Für sie sind Start-ups eine Möglichkeit, eigene Transformationsthemen voranzutreiben und sich an Technologien für Morgen und Übermorgen zu beteiligen. Das Risiko, einfach an den bestehenden Geschäftsmodellen festzuhalten, wird offensichtlich in vielen Fällen höher bewertet als das Investment in junge Unternehmen. Darin liegt eine große Chance für Spin-offs und ihre Heimatinstitute.
Verändert sich deiner Meinung nach auch die Investorenszene für Deeptech?
Ja. Auf unseren Veranstaltungen und auf dem Fraunhofer Investment Hub begegnen wir mehr VCs mit hoher Spezialisierung und Know-how für bestimmte Technologien und Märkte. Hinzu kommt das wachsende Interesse ausländischer Investoren an Fraunhofer-Technologie. Ich hatte erst vor ein paar Tagen ein Gespräch mit Experten eines finnischen Venture Capital Fonds, der die deutsche Forschungslandschaft sondiert. Auch U.S.-amerikanische Fonds suchen zunehmend den Kontakt zu uns.
Wie profitieren die Institute davon?
Zunächst einmal scheinen sich die Rahmenbedingungen für Technologieforschung dadurch zu verbessern. Technologie wird gesellschaftlich zunehmend als Lösungsraum akzeptiert, nicht als Problem gebrandmarkt. Für immer mehr Institute werden Ausgründungen ein ernst zu nehmender Verwertungs- und Kommerzialisierungsweg – nicht ohne Grund: Viele Institute spüren die wirtschaftlichen Zwänge bei ihren klassischen Auftraggebern aus der Industrie. Spin-offs schaffen neue Rückflüsse durch Lizensierungen, Partnerschaften, Folge-Beauftragungen und gegebenenfalls sogar Exit-Erlöse. Hinzu kommt, dass Ausgründungen die Möglichkeit bieten, Technologien für die großen Transformationen marktfähig zu machen. Viele Fraunhofer-Spin-offs setzen genau hier an: Bei Automatisierung, regenerativen Energien oder neuen Materialien und medizinischen Anwendungen.
Andreas, vielen Dank für deine Zeit und dieses Gespräch.
Fraunhofer Venture