Aus unserer Jubiläumskampagne: 25 Jahre Ausgründung. Zukunft gestalten.

Unternehmergeist als Erfolgsrezept: Interview mit Professor Bauernhansl zur Gründungskultur am Fraunhofer IPA

Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart gehört zu den Pionieren einer neuen Gründungskultur in der Wissenschaft. Das Institut besetzt europaweit regelmäßig Spitzenplätze bei Ausgründungen. Wir sprachen mit dem Institutsleiter Prof. Dr.-Ing. Thomas Bauernhansl über die Grundlagen des Unternehmertums in der Forschung und die Möglichkeiten der aktiven Förderung.

Prof. Dr.-Ing. Thomas Bauernhansl, Geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Herr Professor Bauernhansl, am Fraunhofer IPA arbeiten aktuell rund 20 Teams an Ausgründungen. Wie identifizieren Sie Potenziale für erfolgreichen Technologietransfer mit Spin-offs?

Angewandte Forschung und Unternehmertum sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie ergänzen sich in der Praxis hervorragend. Wir haben am IPA ein neues Operating Modell eingeführt, in dem wir uns bewusst von der klassischen Abteilungsstruktur gelöst haben. Wir arbeiten jetzt in Forschungsbereichen und Geschäftsbereichen – mit dem klaren Ziel, marktorientierter und systemisch interdisziplinärer zu agieren. Dieser Strukturwandel ist der eigentliche Rahmen, in dem Ausgründungen so systematisch entstehen können. So wissen wir oft schon zwei bis vier Jahre vor einer Ausgründung, ob eine Technologie oder Geschäftsidee das Potenzial für ein erfolgreiches Spin-off oder andere Transfermöglichkeiten hat und können frühzeitig die Weichen dafür stellen. Vielversprechende Technologie ist dabei die Grundbedingung, aber das Team entscheidet, ob es den Weg ins Unternehmertum gehen will. 

Wie entwickeln Sie diesen Gründer:innengeist am Institut?

Wir versuchen, unseren Forschenden von vornherein möglichst viele Freiheiten zu geben, damit sie diesen Spirit selbst zu entwickeln können. Wir definieren das Spielfeld, aber überlassen es weitgehend ihnen, wie konkrete Lösungen für die vorgegebenen Ziele aussehen können und wie sie erarbeitet werden. Sie sollen selbst mit neuen Ideen und Vorschlägen zu uns kommen und wissen, dass wir Mut und Eigeninitiative honorieren. Wenn sie uns mit ihren Ansätzen überzeugen, sorgen wir für die Finanzierung bis zum nächsten definierten Meilenstein. Für den Entrepeneurial Spirit braucht es aber nicht »nur« Spitzenforschung und Projektentwicklung, sondern auch Persönlichkeiten, die Transfer und unternehmerisches Denken mit genauso viel Leidenschaft leben, wie die Forschung. Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine außerordentliche Geschäftschance identifiziert haben und als Team die notwendigen Kompetenzen und den Unternehmergeist mitbringen, entsteht ohnehin eine besondere Dynamik: Man inspiriert und motiviert sich gegenseitig, identifiziert sich immer mehr mit einer gemeinsamen Idee und arbeitet leidenschaftlich daran, sie zu verwirklichen. 

Wie wirkt sich diese Dynamik auf die Institutskultur aus?

Natürlich stahlt das auch auf das Miteinander am Institut aus, weil Unternehmertum auf vielfältige Weise immer mehr zum Teil unseres Alltags wird. Mehr als die Hälfte unserer Forschungsgruppen arbeitet heute schon mit Ausgründungsteams zusammen. Auch unsere Rolle bei der Leitung des Instituts und der Abteilungen verändert sich damit natürlich. Man führt nicht nur durch Vorgaben, sondern durch Feedback, Motivation, Kontakteknüpfen und Türen öffnen, beispielsweise bei der Suche nach Industriepartnern oder Kapitalgebern. Ich selbst sitze auch im Investment-Komitee des High-Tech Gründerfonds und bin gut in die Venture-Capital Szene vernetzt. Meine Tür ist für unsere Gründerinnen und Gründer immer offen, soweit es meine Zeit erlaubt. 

Sie haben Ende 2024 als erstes Fraunhofer-Institut einen eigenen Start-up Inkubator ins Leben gerufen. Wie fällt Ihre Bilanz heute aus? 

Sehr positiv. Der Inkubator ist sicher ein Grund für die aktuell mehr als 20 aktiven Ausgründungsprojekte am Institut. Das Feedback unserer Gründerinnen und Gründer zeigt uns, dass wir mit ihm ein effektives Sprungbrett ins Unternehmertum geschaffen haben. Unsere Gründungsteams arbeiten in der frühen Phase weiter als Angestellte am Institut und können unsere Infrastruktur und unsere Werkstätten nutzen. Auch nach der offiziellen Gründung entwickeln sie ihre Projekte gemeinsam mit unseren Forschungsteams und bleiben Teil unseres Ökosystems. Wir können dadurch kundennäher und systematischer Lösungen entwickeln und in den Markt bringen. Gleichzeitig lernen wir direkt an der Anwendung und dem realen Test von Geschäftsmodellen und können neue Erkenntnisse sofort wieder auf Forschungsprojekte übertragen. 

Könnten Ausgründungen mittel- bis langfristig eine Alternative zum klassischen Industrie-Transfer werden?

Für das IPA sind sie aktuell vor allem ein stark wachsendes Zusatzgeschäft, weil sie Konzepte monetarisieren, die Forschungsinstitute alleine aufgrund der regulativen Vorgaben nicht umsetzen können. Außerdem bedienen sie häufig Marktnischen, für die die klassische Industrie noch gar nicht bereit ist. Das ist ein strategischer Vorteil von Ausgründungen gegenüber vielen klassischen Transferprojekten. Rückflüsse generieren wir durch forschungsnahe Entwicklungen, Folgeaufträge durch unsere eigenen Ausgründungen und erste Exit-Erlöse. Für uns wäre es ideal, wenn Start-ups langfristig einen Budgetanteil von 50 Prozent ausmachen würden. 

Fraunhofer Venture feiert dieses Jahr das 25-jährige Bestehen. Wie fällt Ihre Bilanz der Zusammenarbeit aus?

Exzellent – wenn es Fraunhofer Venture nicht gäbe, müssten wir es erfinden. Das gesamte Venture Team ist aus meiner Sicht sehr daran interessiert, die Spin-offs und die Institute wirklich zu unterstützen und den effizientesten Weg für jede einzelne Ausgründung zu finden – wenn es sein muss auch unkonventionell und mit der nötigen Extrameile. Für die Zukunft würde ich mir – und dem Venture-Team – wünschen, dass diese Mentalität bei Fraunhofer noch viel mehr zum Standard wird und Transfer und Ausgründungen zur Norm in der Forschung. Wir sollten Ausgründungen nicht von den Hürden und den Kosten her denken, sondern von den langfristigen Chancen für uns und unsere Forschung. Mein persönlicher Wunsch wäre, dass sich Fraunhofer in Zukunft bei allen Institutsausgründungen beteiligt, weil wir damit die Chancen auf Investments weiterer Investoren vervielfachen und für unsere Gründerinnen und Gründer ein starkes Anfangsmomentum schaffen würden.