Tandem-Interview Andreas Aepfelbacher und Kai-Olaf Preiss

Brückenbauer zwischen Forschung und Markt

15. März 2021

Erfahrung kann neue Möglichkeiten eröffnen: Andreas Aepfelbacher und Kai-Olaf Preiss leiten seit vielen Jahren die Teams der Juristen und Investment Manager bei Fraunhofer Venture und beraten als Tandem Fraunhofer-Institute und ausgründende Wissenschaftler. Ihre vielfältigen Erfahrungen bei Transfer-Projekten in Forschung, Gründerszene und in leitenden Positionen der freien Wirtschaft sind ein wertvolles Fundament für den Brückenschlag von der Forschung in die Praxis und die erfolgreiche Begleitung von Ausgründungen. Wir sprachen mit den beiden Teamleitern über die menschlichen, kulturellen und organisatorischen Grundlagen des Technologie-Transfers.

Das Betreuer-Tandem Kai-Olaf Preiss (Sachgebietsleiter Recht & Jurist) und Andreas Aepfelbacher (Stellv. Leiter & Sachgebietsleiter Investment Manager)
© Fraunhofer Venture
Das Betreuer-Tandem Kai-Olaf Preiss (Sachgebietsleiter Recht & Jurist) und Andreas Aepfelbacher (Stellv. Leiter & Sachgebietsleiter Investment Manager)

Kai, du warst vor deinem Start bei Fraunhofer Venture für ein Start-up und in der Fraunhofer-Rechtsabteilung tätig. Was war dein Motiv für den Wechsel zu Venture?

Ich war als Jurist in einem Start-up zu Zeiten des Dotcom-Booms tätig und habe die besonderen Herausforderungen eines jungen Unternehmens mit allen Höhen und Tiefen selbst erlebt. Die Mentalität des schnellen Entwickelns, Umsetzens und permanenten Lernens ist Teil unserer Mission bei Fraunhofer Venture, auch wenn sie bei uns heute in einem strukturierteren Rahmen stattfindet. Die Kombination aus Unternehmergeist mit ständig neuen Herausforderungen und etablierter Forschungsorganisation war für mich der besondere Reiz zu Fraunhofer Venture zu wechseln. Ich bin bereits von Beginn an mit an Bord und erinnere mich noch gut an die Zeit, als Fraunhofer Venture selbst wie ein Start-up arbeiten musste, weil wir zu den Pionieren der Ausgründung unter den großen deutschen Forschungseinrichtungen gehörten und gemeinsam Neuland betreten haben. Die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, teilen wir mit den Gründerteams, die wir betreuen. Ich kann dazu neben meiner Start-up-Erfahrung mehrere Jahre Erfahrung in einer steuerrechtlichen Kanzlei einbringen.

Andreas, du hast hast als Manager neue Unternehmensbereiche für große Unternehmen aufgebaut. Heute bist du stellvertretender Leiter von Fraunhofer Venture.  Wie und wieso bist du aus der freien Wirtschaft zu Fraunhofer Venture gewechselt?

Für mich ist die Verbindung von wirtschaftlichem mit technologischem Know-How und dessen praktische Umsetzung in unternehmerische Konzepte der rote Faden, der sich durch meinen beruflichen Werdegang zieht. Ich bin studierter Forst- und Betriebswirt mit einem Schwerpunkt in Umweltschutztechnik und habe schon in Studienzeiten Naturwissenschaften mit betrieblichen Verwertungsmöglichkeiten kombiniert. Anschließend vertiefte ich diesen Ansatz und baute für RWE das Geschäftsfeld Automobil-Recycling auf, inklusive einer damals neuartigen Online-Börse für Unfallfahrzeuge. Wir hatten schon damals die Idee der Nachhaltigkeit verinnerlicht und konnten Partnerschaften mit allen namhaften Automobilherstellern abschließen. Dann habe ich einige Jahre im Controlling gearbeitet, wobei ich mich insbesondere mit der Analyse und Steuerung von jungen Unternehmen befasst habe. Mein Start bei Fraunhofer Venture war danach ein logischer nächster Schritt. Gerade die Grenzgänge zwischen den Disziplinen und der Brückenbau zwischen der Forschung und ihrer wirtschaftlichen Verwertung sind für mich spannende Möglichkeiten, die unternehmerische Perspektive einzubringen und die Gründerteams dabei zu unterstützen, wirklich Neues entstehen zu lassen.

Ihr arbeitet eng mit den Institutsleitungen zusammen. Wie findet und realisiert ihr das wirtschaftliche Potenzial der Technologien aus den Instituten?

Andreas: Technologie-Transfer und Verwertung müssen sich immer nach den Zielen des Instituts und der Situation in der Forschung richten. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit den Instituten die Technologien und Teams zu identifizieren, die reif für den Transferpfad Ausgründung sind. Wir fungieren als Brückenbauer, weil wir sowohl in der Fraunhofer-Welt als auch in der Welt des Unternehmertums zuhause sind und eine klare Markt- und Kundenperspektive einbringen können. Ausgründungen sollen die Forschung an den Instituten ergänzen und bereichern, nicht mit ihnen konkurrieren. Häufig finden wir im Gespräch heraus, dass eine zukünftige Kooperation mit einem ausgegründeten Spin-off eine sehr interessanteste Perspektive für alle Beteiligten bietet. Ausgründungen arbeiten mit der gleichen technologischen Basis, man kennt sich persönlich und ergänzt sich im Innovationszyklus. Wenn eine Technologie beispielsweise ausreichend erforscht worden ist, kann ein Spin-off die Weiterentwicklung in der Anwendung übernehmen. Die Spin-offs profitieren dann vom technologischen Vorsprung und der Forschungsnähe, die Institute von Lizenzen und häufig von nachfolgenden Forschungsaufträgen. In diesem Fall arbeiten Forschung und Ausgründung synchron weiter, ergänzen sich und profitieren gegenseitig voneinander.

Kai: Unser Ziel ist es, ein passgenaues Kooperationsmodell zu entwickeln, damit diese zukünftigen Beziehungen zwischen Institut und Ausgründung zu einer wirklichen Win-Win-Situation für alle Beteiligten werden können. Wir unterstützen hierfür Gründer und Institute in der Bewertung von Anwendungsmöglichkeiten der Technologie und deren potenzielle Verwertungsszenarien. Häufig ist es beispielsweise weder nötig noch sinnvoll, Technologien komplett exklusiv zu lizensieren. So ist es wichtig, die Anwendungsbereiche der IP zu identifizieren, die für Ausgründungen und kooperative Weiterentwicklungen am besten geeignet sind und diese zur Grundlage einer Ausgründung zu machen. Wir sind dafür da, diesen komplexen Prozess für die Institute und die Gründerteams möglichst einfach und transparent zu machen, um realistische Entscheidungen für sie zu ermöglichen. Bei den etwa 500 erfolgreichen Ausgründungsprojekten, die Fraunhofer Venture bislang umgesetzt hat, haben wir viele Szenarien schon einmal erlebt und deshalb von Beginn an realistische Verwertungs- und Kooperationsmodelle im Blick.

Ausgründungen mit Fraunhofer Venture haben eine Erfolgsquote von deutlich über 90% und liegen damit im Vergleich weit vor anderen Akteuren. Was seht ihr als das Erfolgsgeheimnis hinter den Zahlen?

Andreas: Wir betrachten Ausgründungen immer im technologischen und gesamtwirtschaftlichen Kontext und beziehen die Belange und Gegebenheiten der Institute von Anfang an mit ein. Dieses »Big Picture« für den Technologietransfer erfordert spezielle Expertise und damit die Einbindung der Perspektiven aller Stakeholder. Wir führen deshalb von Anfang an intensive Gespräche mit allen Beteiligten, in denen wir das Spektrum an Möglichkeiten aufzeigen und Probleme und Herausforderungen klar benennen.

Kai: Diese Offenheit mag anfangs unbequem sein, aber sie zahlt sich langfristig aus: Wir können so zum einen Probleme frühzeitig angehen und Fehlentwicklungen vermeiden, zum anderen schaffen wir damit eine belastbare Vertrauensbasis, die für alle weiteren Schritte unerlässlich ist.  

Neben eurer Beratungstätigkeit leitet ihr auch die Teams aus Juristen und Investment Managern bei Fraunhofer Venture. Wie interpretiert ihr da eure Führungsrolle?

Andreas: Wir leiten agile Teams mit hochprofessionellen Kollegen, die als Investment Manager und Juristen eigenständig Entscheidungen treffen. Wir trauen unseren Kollegen sehr viel zu, sie arbeiten eigenverantwortlich und rechtfertigen dieses Vertrauen tagtäglich. Unsere Aufgabe ist es deshalb vor allem, unsere Mitarbeiter bei ihren Aufgaben zu unterstützen, zu stärken und dafür zu sorgen, dass die vielfältige Expertise, die wir in unserem Teams haben, über den Austausch und gezielten Wissenstransfer jedem zur Verfügung steht. Jeder Berater, gleich ob Jurist oder Investment Manager, soll möglichst jederzeit auf die Erfahrung und Kompetenz aller zurückgreifen können. Vor allem neue Mitarbeiter können so neben ihren eigenen Kompetenzen am Erfahrungsschatz aus 20 erfolgreichen Jahren Fraunhofer Venture profitieren.

Kai: Die Start-up-Mentalität, die wir bei unseren Ausgründungs-Teams verankern wollen, ist auch das Grundmuster für unseren eigenen Führungsstil. Unsere wichtigste »Führungsaufgabe« ist das Empowerment unserer Kollegen, das Stärken ihrer eigenen Stärken. Auf Teamebene funktioniert das über gemeinsames Reflektieren und die kritische Auseinandersetzung von Erfahrungen und Vorgehensweisen. So können wir sicherstellen, dass auch wir uns mit jedem neuen Projekt und jeder Herausforderung kontinuierlich weiter entwickeln können. Wir sehen uns als Sparring-Partner und Moderatoren für diesen Prozess der permanenten Teamentwicklung und Optimierung. Natürlich entsteht auch Reibung, wenn Juristen und Investment Manager so eng zusammenarbeiten – aber aus Reibung entsteht Energie: Für uns sind auch kontroverse Diskussionen hilfreich und sinnvoll, wenn dadurch Probleme angegangen und neue Lösungen gefunden werden.

Kai und Andreas, vielen Dank für eure Zeit und die Einblicke in eure Tätigkeit als Brückenbauer zwischen Markt und Forschung.

 

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