20 Jahre Fraunhofer Venture: Gründergeist von uns für Fraunhofer

21. April 2021

Ausgründungen können vieles sein: Innovative Wege des Technologietransfers, der Karrierestart ins eigene Unternehmen, die Erschließung des wirtschaftlichen Potenzials von Forschungsergebnissen oder die Verwirklichung lang gehegter Träume. In jedem Fall sind Ausgründungen Schritte aus der Komfortzone des Alltags und Experimente jenseits des Standards, sowohl für die Institute als auch für die Gründer selbst. Ausgründungen haben deshalb immer Züge eines Abenteuers, auch für uns, auch nach weit über 500 erfolgreichen Ausgründungen und einer halben Milliarde an eingeworbenem Venture Capital, auch als etablierte Fraunhofer-Abteilung, die wir heute sind.

© Fraunhofer Venture
Die »Venture Gruppe« bei einer ihrer ersten Teamworkshop

Vor 20 Jahren sind wir selbst als Pionier und »internes Start-up« mit einem damals völlig neuen Geschäftsmodell in unser eigenes Gründungsabenteuer gestartet – viele Gründe, heute zu feiern, und genauso viele, sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen, sondern mit der Erfahrung als Vorreiter professioneller Ausgründungen neue Herausforderungen anzugehen. In diesem Geist wurde Fraunhofer Venture vor 20 Jahren gegründet, diese Mentalität hat uns zu einer der erfolgreichsten Technologie-Transfer-Abteilungen der angewandten Forschung gemacht und sie ist noch heute das, was unser Team auszeichnet und für die Herausforderungen stark macht. Dieser »Gründergeist von innen« ist unsere Mission. Er zieht sich durch die vergangenen 20 Jahre und bleibt unser Antrieb für zukünftige Herausforderungen. Ich möchte euch einladen, gemeinsam mit uns im Rahmen unseres Jubiläums »20 years (Ad)Venture« einige besondere Momente und Persönlichkeiten kennen zu lernen, die diese Mission Wirklichkeit werden ließen.

Aller Anfang: Bootstrapping, Leihmöbel und juristische Kreativität

Ein Lagerraum in der ehemaligen Zentrale von Fraunhofer in der Münchner Leonrodstrasse, ausgemusterte Schreibtische aus den Katakomben der Fraunhofer-Magazine und viel Platz für Flip-Charts, Server und kreative Arbeitsplatzgestaltung: Das erste »Büro« von Fraunhofer Venture glich einem klassischen Start-up-Domizil – und im Grunde genommen war es das auch: Fraunhofer Venture wurde Anfang 1999 nicht als »Abteilung« auf dem strategischen Reissbrett konzipiert oder von langer Hand geplant. Unser Gründungs-Team, damals Karola Bachelin, Wolfgang Denkhaus, und ich selbst wurden beauftragt, die stetig wachsenden Anfragen zu Ausgründungen aus den Instituten systematisch zu unterstützen – und unsere erste Aufgabe war es, diese Systematik und uns als Team selbst zu entwickeln. Unter dem Projektnamen »Venture Gruppe« fingen wir an, mit unserem betriebswirtschaftlichen und juristischen Know-how Business Pläne zu prüfen, Teams und Institutsleitungen zu beraten und Gründungsverträge zu skizzieren.

Jeder von uns war damals offiziell anderen Abteilungen zugeordnet und arbeitete  »normalerweise« an festen, gut ausgestatteten Arbeitsplätzen in der Fraunhofer Zentrale. An den Gründungsvorhaben aus den Instituten tüftelte die Venture Gruppe häufig ab Freitagnachmittag in unserem improvisierten »Venture Büro«. Fehlende Drucker und Telefone glichen wir mit Enthusiasmus und kreativen Eigenentwicklungen aus und entwickelten ein ausgeklügeltes System für unseren Pendelverkehr zu unseren regulären Arbeitsplätzen, um die Venture Gruppe – unser eigenes internes Start-up – neben unseren sonstigen Aufgaben lebendig werden zu lassen.

Methodenentwicklung: Realistisch sein und das Unmögliche versuchen

Unsere erste gesicherte Erkenntnis zu methodischen Konzepten für Ausgründungen aus der Wissenschaft war, dass es keine gesicherten Erkenntnisse, geschweige denn erprobte Methoden für unser zukünftiges Aufgabenfeld gab. Nicht einmal klar definierte Begrifflichkeiten für unsere speziellen juristischen Fragestellungen existierten. Wissenschaftliche Ausgründungen schienen ein exotischer, nebulöser Freiraum grenzenloser Möglichkeiten, aber im engen Korsett der Restriktionen für gemeinnützige Organisationen zu sein. Während unser kleines, notgedrungen hoch-agiles Team an den formellen Voraussetzungen für Ausgründungen arbeitete – unserer eigenen Daseinsberechtigung – wuchsen die Anfragen durch Institute und Wissenschaftler langsam aber kontinuierlich weiter. Mit Mischung aus juristischer Schürfarbeit und kreativer Interpretationsfreude schafften wir es gemeinsam mit unseren Kollegen der Rechtsabteilung schließlich, einen verlässlichen rechtlichen Rahmen zu Ausgründungen aus der Wissenschaft zu entwickeln, der allen Restriktionen und Prüfungen Stand hielt. Die Basis für unser eigenes Geschäftsmodell war geschaffen - mit viel Herzblut und einer Community leidenschaftlicher Förderer innerhalb von Fraunhofer, aber ohne konkrete Best Practices und Blaupausen – denn diese mussten wir erst noch selbst entwickeln.

Gegründet für mehr Ausgründungen: Der offizielle Start von Fraunhofer Venture

Im Herbst 2001 wurde Fraunhofer Venture als erste Ausgründungsabteilung unter den größeren Forschungsinstituten offiziell gegründet. Wir arbeiteten zunächst als eine Art Task Force für gründungswillige Institute und Wissenschaftler. Unser Team wuchs schnell, weil auch die Gründungsaktivitäten der Institute ständig zunahmen. Markus Ruhl und nach wenigen Wochen auch Kai-Olaf Preiss und Viktoria Bredin stießen als Juristen und Team-Managerin zu uns, letztere sind noch heute Teil unseres Teams.

Die ersten Ausgründungen von Fraunhofer Venture dürfen noch als wirkliche Unikate gelten, weil wir parallel zu den neuen Unternehmen die juristischen und betriebswirtschaftlichen Grundlagen für Ausgründungen entwickeln mussten. Ohne Vorbild arbeiteten wir nach dem Prinzip »learning by doing – and doing by learning«. Unser eigenes Geschäftsmodell entwickelte sich mit jeder neuen Erfahrung und im intensiven Dialog mit unseren Gründerinnen und Gründern, den Institutsleitungen und dem inoffziellen »Think Tank der deutschen Tech-Transfer-Szene«: dem Ausgründungstammtisch, an dem sich analog bei Kaffee und Bier Gleichgesinnte der großen Forschungseinrichtungen, Universitäten und der Politik trafen, um gegenseitig voneinander zu lernen und gemeinsam das Neuland des Ausgründens für die Forschung zu erschließen. Bereits im ersten Jahr unseres Bestehens wurden drei neue Unternehmen auf Basis von Fraunhofer-Technologie ausgegründet: Gemeinsam mit dem Fraunhofer IOF in Jena starteten wir die Grintech GmbH, die Unique Mode AG und die mso Jena GmbH.

Die Pionierarbeit des Venture Teams zahlte sich nicht nur in Ausgründungen aus: Im Dezember 2002 wurde unser Team mit dem Karl Heinz Beckurts-Preis für herausragende wissenschaftliche Leistungen und Transfer-Aktivitäten ausgezeichnet – ein erstes Anzeichen, dass Fraunhofer Venture von einer Fraunhofer-internen Abteilung zu einem wahrgenommenen Akteur im Neuland der wissenschaftlichen Ausgründungen geworden war. Den Verrechnungsscheck, der uns feierlich überreicht wurde, trug ich anschließend mehrere Wochen in meiner Jackett-Tasche, weil erst intern geklärt werden musste, ob und wie wir unseren »Gewinn« verwenden dürften.

Im 2. Teil unseres Rückblicks hinter die Kulissen erfahrt ihr, wie das Team von Fraunhofer Venture vom experimentellen internen Start-up zur Task Force für professionelles Ausgründen wurde.

© Fraunhofer Venture
Bei der Preisverleihung des Karl-Heinz Beckurts-Preis 2002 (v. l.: Prof. Dr. Hans-Jörg Bullinger (ehemaliger Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft), Thomas Doppelberger (Abteilungsleiter Fraunhofer Venture) und Uwe Thomas (BMBF Staatssekretär | SPD))